Fingerspitzengefühl
19.11.2010 16:32 von Weißer Greiz
Es ist hier viel von Sülo und seinem Fingerspitzengefühl die Rede. Aber zu Tage gekommen ist die Geschichte in Salzburg. Dort waren zwei RollstuhlfahrerInnen und ein Persönlicher Assistent auf einer Fahrt durch die Stadt. Keine leichte Tour, wie sich bald herausstellte.
Auf dem Salzburger Hauptbahnhof fahren die O-Busse an Werktagen im 10-Minutentakt. Nach 40 Minuten kam der erste Bus, der Rollstühle transportieren konnte und sie stiegen ein – glücklich, endlich unterwegs zu sein. Süleyman Kurt auf seiner Jungfernfahrt mit einem Salzburger O-Bus will die Fahrkarte selbst entwerten. Der Assistent gibt die Karte in Sülos Hand, da tönt schon der strenge Kommentar einer Salzburgischen Mitfahrerin: „Das geht ja nie!“
Die Karte ist vor lauter Schreck aus Sülos Hand auf seinem Bauch gelandet. „Schauen wir mal, ob es geht“, war die Antwort des Assistenten, während er die Karte wieder Richtung Sülos Hand reichte.
Diesmal hat er sie. Und die Hand mit der Karte nähert sich dem Entwerterschlitz. So und nun noch ein kleines Stück weiter – aaah, da macht der Bus eine Kurve oder war es Sülos Hand? Auf alle Fälle ist die Karte und Sülos Hand wieder weit weg vom Entwerter.
„Sie müssen ihm helfen!“ der Aufschrei der Salzburgischen Mitfahrerin, die neben Sülo und dem Assistenten stand. „Nur Geduld“, lautete seine lapidare Antwort.
Sülo hat die Karte mittlerweile wieder in die Nähe des Entwerterkästchens gelenkt. Der Assistent ist nervös und hält Sülo beide Daumen bis sie rot werden, dass er die Karte in den Schlitz hineinbekommt, denn die Salzburgische Dame schaut sehr streng zu ihm.
Die Karte schaukelt hin und her, rauf und runter, auf einmal macht es Pling! und die Fahrkarte ist entwertet! Sülo hat‘s geschafft, bekommt vom Assistenten einen Daumen nach oben gezeigt und von der Salzburgischen Mitfahrerin?
Erst kommt nicht viel. Ein, zwei, drei Kopfschütteln, ein, zwei, drei Tztztz. Dann auf einmal: “Ich war auch schon in Vorarlberg. Da gibt es seltsame Menschen. Überhaupt sind alle Vorarlberger seltsam.“
Oho! denkt sich der Assistent und antwortet: „Ja, so ist die Welt: überall sind seltsame Menschen verstreut.“
Die Frau: „Die gehören auf den Misthaufen die Vorarlberger! Alle!“
Der Assistent: „Ja das ist gut – auf dem Misthaufen da sammelt sich der Kompost. Die Grundlage, dass was Neues wachsen kann.“
Im Hintergrund des Busses hört man Sülo und Julia lachen und irgendwo lacht sicher auch Amadeus mit.
Kurze Pause dann wieder die Frau: „Ich hasse Bregenz. Ich hasse Dornbirn. Das sind hässliche Städte. Ich war schon mal dort.“
Der Assistent: „In Bregenz gibt es einen See und
den Pfänder.“
Die Frau: „Wir haben hier den Wolfgangsee und der
ist viel schöner!“
Der Assistent lässt sich nicht kleinkriegen: „Das
ist aber sehr gut für sie wenn der Wolfgangsee noch viel schöner ist als der
Bodensee.“
Nun musste die Frau leider aussteigen und ging Richtung Getreidegasse davon, vielleicht auf ein Rendezvous mit Amadeus. Die drei fuhren weiter zum Hotel. Noch lange mit Gelächter über den ungewöhnlichen Empfang in der Mozartstadt. Wer sich diesen Sketch wohl ausgedacht hat?
Da sie lange auf ihren Bus warten mussten, riet die Frau an der Rezeption doch am nächsten Tag die Rückreise mit der 7er Linie anzutreten: „Der 7er Bus fährt direkt vor ihrem Seminarhotel ab bis zum Hauptbahnhof.“
Das ist gut. Der Assistent schaut sich den Verkehrsplan an und sucht die 7er Haltestelle und merkt: „Die liegt aber nicht direkt beim Seminarhotel. Und die fährt auch nicht zum Hauptbahnhof. Wir müssten nochmal umsteigen. Ui,ui,ui, was für ein Rat! Wenn wir da zweimal 40 Minuten auf die nächste barrierefreie Garnitur warten müssen, verpassen wir unseren Zug in Richtung Heimatmisthaufen.“ Seltsame Menschen sag ich euch!
Um 16:02 Uhr fährt ihr Zug. Um 13:40 fragt der Assistent telefonisch bei den Salzburger Verkehrsbetrieben an, wann die nächste barrierefreie 6er Linie Richtung Bahnhof fährt. „Um 15 Uhr 09 Minuten“, war die Antwort, und „Da Wochenende ist, fahren weniger barrierefreie Garnituren als Werktags.“
Ich frage mich, wieso die Verkehrsbetriebe nicht
alle barrierefreie Garnituren in Umlauf lassen und stattdessen die alten
Vehikel pausieren lassen? Aber vielleicht gibt es dort ja eine Quotenregelung
was barrierefreie Busse anbelangt. Die dürfen nicht zu oft im Einsatz sein…
Seltsam, seltsam, seltsame Menschen überall.
Sülo kann also seine Fahrkarten selbst entwerten. Er hat das Fingerspitzengefühl dazu. Und auch im Umgang mit den Fahrgästen hat Sülo ein besseres Fingerspitzengefühl als mancher andere seltsame Mensch. Angeblich hängt das neue Fingerspitzengefühl mit Sülos Sexualleben zusammen. Seit seinem Auszug aus dem Lebenshilfe-Wohnheim hat sich einiges bei ihm geändert. Eigene Wohnung, neue Freundin, gutes Fingerspitzengefühl…







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Kommentar von Monika | 20.11.2010
Taj, da seht ihr Mal, wie es uns in der weltbekannten tollen Mozartstadt tagtäglich geht. Viel Geld für Festspiele und Proporz, aber kaum barrierefreie Obusse. Und mangelhafte Akzeptanz der Beeinträchtigten durch Nichtbeeinträchtigte. Das ist leider Alltag für uns. Hoffe, euch im Ländle gehts da besser. :)
Liebe Grüße, auch an Sülo und Julia, von Monika vom SLIÖ Treffen!
Kommentar von Konrad Bönig | 24.11.2010
Ist nicht wahr, oder?!
Ich lach mich kaputt!
Der Sketch ist zum (Mozart-)Kugeln.
Wäre gerne daneben gesessen in diesem Bus.
Gratuliere, dass Ihr so genial reagiert
und Euren Humor dabei nicht verloren habt!
Schöne Grüße aus dem Walgau
Konrad