Wieviel Körper braucht der Mensch

von Heinz Grabher

Die Referenten am Podium im Wappensaal des Wiener Rathauses. Der Österreichische Adler über den Köpfen, Fahnen rechts und links.
Die Referenten am Podium im Wappensaal des Wiener Rathauses. Der Österreichische Adler über den Köpfen, Fahnen rechts und links.

Was sind die Grundvoraussetzungen für ein erfülltes Leben? Was sind die Möglichkeiten und wo sind die Grenzen von Medizin und Gesellschaft? Zwei Fragen, die am 16. Oktober im Wiener Rathaus von Ärzten und Wissenschaftlern aus Österreich diskutiert wurden. Reiz war dabei.

„Auf welchen Körperteil könnten Sie am ehesten verzichten, ohne dass sich Ihre Persönlichkeit verändert?“ und „Könnten Sie dann die Arbeit, die Sie jetzt machen auch machen?“

Moderator Georg Fraberger, klinischer Psychologe an der Universitätsklinik für Orthopädie im AKH Wien, stellte allen Referenten diese Frage. Die Antworten waren vielseitig – von Arm, Finger, Auge, Nabel, Haar, Füße, … Wobei jeder am liebsten alle Körperteile behalten würden. Fraberger kam ohne Beine und ohne Arme zur Welt und könnte am ehesten auf seine Armprothese verzichten. (Auf was würde ich wohl am ehesten verzichten?)

Der Titel der Tagung „Wieviel Körper braucht der Mensch“ richtete den Blick auf den Körper und lenkte von Psyche, Geist oder Seele ab. Es wurde jedoch mit jedem Vortrag deutlicher, dass es neben der Materie Körper noch das Immaterielle – die Seele – gibt. Einig waren sich am Ende alle, dass Körper und Seele nicht trennbar sind, sondern eine Einheit bilden.

Der Weg zu dieser Einsicht war unterschiedlich, die Impulse der ReferentInnen ein philosophisches Feuerwerk, das wir in einer unvollständigen Zitatenauswahl wiedergeben.

Wer genauere Erzählungen hören möchte, kann im Büro bei Reiz vorbeikommen. Andreas Guth und Heinz Grabher berichten gerne über diese inhaltsreiche Tagung.

Herbert Pietschmann, Institut für Theoretische Physik Universität Wien: „…Aber der Körper allein macht einen Menschen noch nicht zum Mensch. Er braucht ein ‚Du‘. Erst wenn jemand von einem ‚Du‘ genannt wird, wird er beseelt. Durch Kommunikation entsteht die Seele….“

Peter Dal Bianco, Universitätsklinik für Neurologie, AKH Wien: „…Wir haben – wie die Termiten – die Besonderheit der Kooperation. Sieben Milliarden Menschen bringen Leistungen zusammen, die ein einzelner Mensch, ein einzelnes Gehirn, nicht hervorbringen kann….“

Herwig Sturm, em. Bischof der evangelischen Kirche Österreich: „…Der Mensch stirbt mit allem, was das Leben ausmacht. Auferstehen wird eine neue Schöpfung, ein geistlicher Leib…“

Erich Fellinger, Primar Sanatorium Hera: „…Das mentale Bild von unserem Körper bleibt vom Skalpell unberührt…. Die beste medizinische Versorgung bedeutet nicht immer Zufriedenheit und Glück….“

Hildegrund Piza, Fachärztin Plastische Chirurgie: „…Das Bild, das wir uns vom Körper machen ist wesentlich. Die Körperbilder, die die heutigen Medien vermitteln sind retouschierte schöne unrealistische Bilder….“

Leopold-Michael Marzi, Rechtsabteilung AKH Wien: „… Dass alles durch Gesetze geregelt wird ist für mich auch ein Fluch. Ich diskutiere lieber die Sachen aus. … Die Verrechtlichung führte bei den helfenden Berufen zu einer tiefen Verunsicherung….“

Sabrina Wittmann, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte: „… Der Europäische Gerichtshof ist eine Institution des Europarates – nicht der EU! … Jeder Mensch hat Zugang zum Europäischen Gerichtshof für Klagen gegen den Nationalstaat, wenn alle innerstaatlichen Rechtswege ausgeschöpft sind….“

Mensch mit Behinderung aus dem Publikum: „… Menschen mit Behinderung sind keine Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Sie haben dieselben Bedürfnisse wie alle anderen Menschen auch. …“

Melitta Huszar-Müller und Heiner Rasinger, Sportpädagogen des Schulzentrums Ungargasse präsentierten „…die einzige Schule Österreichs mit dem Unterrichtsfach ‚Rollstuhlturnen‘….“

Georg Fraberger, Klin. Psychologe Orthopädie AKH Wien: „… Wenig Selbstwertgefühl bedeutet, andere Menschen entscheiden, wie du fühlst. … Alles was Sinn macht, macht liebenswert….“

Beim Vortrag „Wieviel Potenz macht den Mann zum Mann?“ von Shahrokh F. Shariat, Urologie AKH Wien, hätten wir Männer wieder hellwach werden sollen. Es war einfach ‚very dramatic‘! Mehr können wir nicht verraten…

Georg Psota, Psychosozialer Dienst Wien: „… Die seelsiche Dimension des Menschen schafft die Basis für Inklusion; denn sie ermöglicht es, dass jeder sein Leben unter allen Umständen gestalten und ‚trotz Allem‘ Mensch bleiben kann….“

Der VFM – Verein zur Förderung der Anliegen behinderter Menschen organisiert den Österreichtag seit 1996.


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