Die Philosophie von Independent Living beginnt in Vorarlberg Fuß zu fassen

von Reinhard Zischg

Selbsvertrehtungstreffen: Menschen sitzen um einen Tisch.
Selbsvertrehtungstreffen: Menschen sitzen um einen Tisch.

Reiz - Selbstbestimmt Leben Vorarlberg und die Selbstvertretungsgruppen Dornbirn und Bludenz wollen Selbstbestimmt Leben und People First in Vorarlberg umsetzen. Ein erster wichtiger Schritt in diesem Zusammenhang ist die Fachtagung Selbst Bestimmt Leben im Vorarlberger Wirtschaftspark. Die Tagung wird von der Selbstbestimmt Leben Bewegung Vorarlberg und den "traditionellen Einrichtungen der Behindertenarbeit" organisiert. Zu dieser Veranstaltung ist der nachfolgende Artikel in der Zeitschrift Kultur, November 2007 erschienen.

Selbst – Bestimmt – Leben
Wege zur SelbsterMÄCHTigung von Menschen mit Behinderungen

Die Philosophie von Independent Living, welche die Fähigkeiten und individuellen Bedürfnisse von  Menschen mit Behinderungen in den Mittelpunkt stellt, beginnt in Vorarlberg Fuß zu fassen.

Am 23. und 24. November 2007 findet im Vorarlberger Wirtschaftspark in Götzis die erste Fachtagung zum Thema Selbstbestimmtes Leben, Selbstermächtigung und Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen in Vorarlberg statt. Eineinhalb Tage lang können sich Interessierte bei Vorträgen, Workshops, einer Podiumsdiskussion und einem Marktplatz von Vereinen und Institutionen über die zentralen Ansätze der Selbstbestimmt Leben Bewegung informieren.

Selbstbestimmtes Leben als Grundrecht von Menschen mit Behinderungen

Die Philosophie der internationalen Independent Living Bewegung hat ihren Ursprung in den USA. Basierend auf ihren Erfahrungen mit anderen sozialen Bewegungen, wie der Frauen-, der Schwarzen-, der Antivietnambewegung und bei Gesprächen in Betroffenengruppen, entwickelten Menschen mit Behinderungen in den 60er Jahren ein neues Selbstbewusstsein. D.h. Menschen mit Behinderungen, die nicht mehr länger bereit waren sich bevormunden, betreuen, diskriminieren und in Einrichtungen und Anstalten abschieben zu lassen, sahen sich als „ExpertInnen in eigener Sache".

1972 wurde das erste Independent LivingCentre for Independent Living in Berkeley von Menschen mit Behinderungen gegründet und in Betrieb genommen. Von Berkeley breitete sich die Philosophie des Selbstbestimmten Lebens über das ganze Land aus und inzwischen gibt es weit mehr als 300 Zentren in den USA.

Durch die damalige Solidarisierung und Demonstrationen von Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen kam es in den folgenden Jahren zu wichtigen Gesetzesänderungen, wie das Rehabilitationsgesetz von 1973 und das Antidiskriminierungsgesetz von 1990.

Seit der Verabschiedung des Rehabilitationsgesetzes darf in den USA kein Mensch mit Behinderungen  nur auf Grund seiner Beeinträchtigungen von der Teilhabe an einem staatlich geförderten Programm oder einer Aktivität ausgeschlossen werden. Durch das Antidiskriminierungsgesetz kam es zu einer Erweiterung des Diskriminierungsschutzes, da auch nicht durch Bundesmittel unterstützte private Organisationen und Betriebe bei Ausgrenzung verklagt werden können.

Weiters müssen durch das Antidiskriminierungsgesetz alle öffentlichen Verkehrsmittel behindertengerecht ausgestattet sein. Auch müssen alle neu errichteten öffentlichen Einrichtungen von Menschen mit Behinderungen ohne fremde Hilfe in Anspruch genommen werden können. Telekommunikative Anlagen müssen von Menschen mit Sprach- und Hörbehinderungen gleichberechtigt benutzbar sein. Alle Diskriminierungen von Menschen mit Behinderungen im Arbeitsleben sind weitgehend verboten und werden bestraft. 

Die Fachtagung und Zentrale Ansätze der Selbstbestimmt Leben Philosophie

Behinderung ist kein Schicksal, kein medizinisches Problem. Behinderung ist eine Frage der persönlichen und politischen Macht und vor allem, Behinderung ist eine Frage des Bewusstseins." (Adolf Ratzka, Aktivist der Selbstbestimmt Leben Bewegung)

Bei der Fachtagung bekommen nun ExpertInnen in eigener Sache und alle anderen Interessierten die Gelegenheit die zentralen Ansätze der Selbstbestimmt Leben Idee kennen zulernen und sich darüber auszutauschen. Das oben angeführte Zitat des Aktivisten Ratzka fasst in wenigen Worten den Grundgedanken dieser Philosophie zusammen. Behinderung ist keine fortschreitende Erkrankung und kein unheilvolles Schicksal, an dem wir Menschen mit Behinderungen leiden. Unsere Behinderung ist ein Teil unserer Persönlichkeit, sie gehört zu uns wie unsere Liebenswürdigkeit oder unsere Aggressivität. Wichtig ist, wie wir uns selbst sehen und welche Möglichkeiten uns zur Teilnahme in der Gesellschaft, in der wir Leben, geboten werden.

Alle, und wirklich alle Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen, müssen die Chance erhalten außerhalb von Heimen und Institutionen zu leben, ihre Freizeit zu gestalten, unterrichtet zu werden oder auch zu arbeiten.

Dazu braucht es Solidarisierung und gesetzlichen Rahmenbedingungen für ein gemeinsames Leben von Menschen mit und ohne Behinderungen, sowie die wichtigen Instrumente der Selbstbestimmt Leben Philosophie Empowerment, Peer Counseling, politische Arbeit und Persönliche Assistenz.

Empowerment heißt aus dem englischen übersetzt Befähigung, Machtgewinn oder Ermächtigung. Für Menschen mit Behinderungen bedeutet dies, dass sie darüber entscheiden wie sie in der Gesellschaft leben möchten.

Der Prozess der Ermächtigung beginnt im Kindesalter. Eltern müssen für ihre Babies mit Behinderungen dieselbe Akzeptanz, Förderung und Möglichkeit vorfinden wie Eltern mit nicht behinderten Kleinkindern. Kinder mit Behinderungen müssen mit nicht behinderten Kindern den Kindergarten und die Schule besuchen, denn hier wird der Grundstein für Empowerment gelegt.

Jugendliche mit Behinderungen sollen das Regelschulsystem besuchen, entscheiden welchen weiteren Ausbildungsweg sie einschlagen und ihre Berufswahl treffen.

Die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen, nicht ihre Defizite, stehen im Fordergrund.

Im Selbstermächtigungsprozess ist die zentrale Methode die Gleichgesinnten- oder Gleichartigenberatung, das Peer Counseling. In Peer-Gruppen und Einzelberatungen unterstützen, lernen und befähigen sich Menschen mit Behinderungen gegenseitig und schaffen es dadurch ihre Bedürfnisse, ihre Anliegen und Ziele zu verwirklichen. In einer folgenden Zusammenarbeit mit BeraterInnen, UnterstützerInnen und Persönlichen AssistentInnen ohne Behinderungen kann der Prozess eines gemeinsamen Lebens gelingen.

Persönliche Assistenz

Statistiken aus den USA beweisen, dass Menschen mit Behinderungen außerhalb von Heimen gesünder leben. Damit es möglich ist außerhalb von Einrichtungen zu leben hat die Selbstbestimmt Leben Bewegung das Konzept der Persönlichen Assistenz entwickelt.

Wir nennen die Hilfestellungen, die ein Mensch mit Behinderungen braucht Persönliche Assistenz, weil jeder aus seinen persönlichen und individuellen Bedürfnissen heraus die Arbeitsbedingungen bestimmt und entscheidet wer, wie und wann für ihn arbeitet." (Adolf Ratzka)

Menschen mit Behinderungen schlüpfen beim Konzept der Persönlichen Assistenz in die Rolle von ArbeitgeberInnen. Sie verfügen über ein persönliches Budget, das ihnen sicherstellt, dass sie die Hilfestellungen, die sie auf Grund ihrer behinderungsbedingten Einschränkungen benötigen, einkaufen können. Dabei ist es wichtig, dass der Einsatz und die Verwendung der finanziellen Mittel von den AssistenznehmerInnen selbst gesteuert werden kann. Der Mensch mit Behinderungen entscheidet die Art, die Form, den Zeitpunkt der Persönlichen Assistenz und er trifft die Auswahl der AssistentInnen.

Bei der Organisation der Persönlichen Assistenz ist die Person mit Behinderungen die Expertin. Nicht die HelferInnen werden qualifiziert mit Menschen mit Behinderungen umzugehen, sondern die Betroffenen werden qualifiziert, ihre AssistentInnen anzulernen und einzusetzen. 

Selbst - Bestimmt - Leben
Wege zur SelbsterMÄCHTigung von Menschen mit Behinderungen
Fachtagung
Freitag,    23. November 2007  von 8:30 Uhr bis 16:30 Uhr
Samstag, 24. November 2007, von 9:00 Uhr bis 12:00 Uhr
Anmeldung Mag. Christoph Schindegger, Kathi-Lampert-Schule,
Wiedengasse 25, A-6840 Götzis,
Tel. +43 / (0)5523 / 53128-13
christoph.schindegger@kathi-lampert-schule.at
www.kathi-lampert-schule.at

Reinhard Zischg, Reiz - Selbstbestimmt Leben Vorarlberg
Erschienen in der KULTUR-Zeitschrift, Nov. 2007

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